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INKOTA-Brief 151 - März 2010

Südafrika vor der WM - Aufbruch mit Schwierigkeiten

Warten auf Entschädigung

Marjorie Jobson

Viele Opfer des Apartheid-Regimes sind immer noch marginalisiert

Als die Apartheid beendet wurde und der ANC die Wahlen gewann, hofften viele der Opfer auf eine baldige Entschädigung. In der Wahrheits- und Versöhnungskommission wurden einige der schlimmsten Verbrechen aufgedeckt, rund 22.000 Opfer erzählten ihre Geschichten. Sie erhielten in der Folge geringe Entschädigungszahlungen. Doch die Mehrheit der Schwarzen ist immer noch von den Folgen der Apartheid betroffen. Zur Überwindung der strukturellen Benachteiligung mahnt daher Marjorie Jobson, Direktorin der wichtigsten Opferorganisation "Khulumani Support Group".

Die Apartheid ist tot! Doch ihre Nachwirkungen verfolgen die SüdafrikanerInnen bis heute. Der 11. Februar 2010 war der 20. Jahrestag der Freilassung von Nelson Mandela. Am 27. April 1994 wurden die ersten wirklich freien und demokratischen Wahlen abgehalten, bei denen alle SüdafrikanerInnen stimmberechtigt waren und die zur neuen Regierung unter Präsident Mandela führten. Der Begriff der "Regenbogennation" machte damals die Runde und viele waren stolz darauf, dass das Land einen friedlichen Übergang von der Unterdrückung zur Demokratie geschafft hatte. Verbunden war damit eine große Zuversicht für die Zukunft. Gut 15 Jahre später stellt sich die Frage: Haben wir die Möglichkeiten ausgeschöpft, die sich nach dem Übergang geboten haben?

Die Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission, TRC) begann 1996, die Geschichten der Apartheid-Opfer anzuhören und aufzuarbeiten. Es waren Geschichten von Grausamkeiten und kriminellen Aktivitäten, von Mord, Verschwindenlassen, Folter und Vergewaltigungen, mit denen die weißen Sicherheitskräfte die inhumane und erniedrigende Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung durch die Apartheid-Regierung durchsetzten. Eine wichtige Rolle bei der Bewältigung spielte auch die "Khulumani Support Group" ("Khulumani" heißt auf Zulu "Sprich es aus"). Sie wurde kurz vor Beginn der Arbeit der TRC als Selbsthilfeorganisation gegründet, um den Apartheid-Opfern zu helfen, vor der TRC aussagen zu können und um sie währenddessen zu unterstützen.

Schock und Abwehr

Als die Wahrheitskommission schließlich Stück für Stück die schrecklichen Details der systematischen Menschenrechtsverletzungen während der Apartheid ans Licht beförderte, verfiel ein Großteil des weißen Südafrikas in einen Zustand von Schock und Abwehr. "Wir wussten nichts davon", war die weit verbreitete Reaktion. In Wahrheit wollten die Weißen niemals das ganze Ausmaß der Grausamkeiten wissen, mit denen in ihrem Namen ihre Privilegien verteidigt wurden. Die meisten waren entsetzt, als sie schließlich dazu gezwungen wurden zu erkennen, wie ihr jahrzehntelanges Wählen der Nationalen Partei solch schreckliche Verbrechen ermöglicht hatte. Dass die meisten dieser WählerInnen sich als Christen verstanden, war doppelt beschämend.

Während die TRC für ein gemeinsames Verständnis der Verbrechen der Apartheid-Regierung sorgte, hat sie es andererseits weißen SüdafrikanerInnen zu einfach gemacht, mit dem Finger auf die wenigen Täter zu zeigen, die vor der TRC in Hoffnung auf Straffreiheit ihre Verbrechen schilderten. Nur wenige kamen ins Gefängnis, sie bitten zurzeit Präsident Zuma um Amnestie. Khulumani ist gegen ihre Freilassung, da es bisher keine Konsultationen mit den Opfern darüber gegeben hat. Außerdem fehlt immer noch ein Plan, wie die Entschädigung der Opfer durch gemeinsame Anstrengungen, die Täter, Mitläufer und Opfer einbeziehen, zügig vorangebracht werden kann.

Die meisten Weißen waren in der Lage, ihr Leben und ihren Lebensstandard weiterzuführen, und ignorierten dabei schlicht, dass die Opfer der Apartheid-Verbrechen immer noch in ihrer Mitte leben, jedoch quasi unsichtbar, da die sozial-geografische Struktur aus der Apartheid-Zeit weiter fortbesteht und die Opfer in Townships und Homelands leben, wo sie nicht nur aus den Augen, sondern offensichtlich auch aus dem Sinn sind. Um echte Versöhnung zu erreichen, müsste es aufeinander abgestimmte Anstrengungen aller Seiten für eine inklusivere Gesellschaft geben. Gleichzeitig müsste Schluss damit sein, dass die politischen Eliten die Chancen unter sich verteilen und die Mehrheit ausschließen, wie es in den vergangenen 15 Jahren passiert ist.

Ungleichheit hat zugenommen

Seit dem Übergang zur Demokratie hat die Ungleichheit in Südafrika sogar noch zugenommen. Südafrika gehört heute zu den Ländern mit der größten Ungleichheit der Einkommensverteilung weltweit. Während fast alle SüdafrikanerInnen stolz darauf sind, ihr wundervolles und vielfältiges Land bei der Fußball-WM der Weltöffentlichkeit präsentieren zu können, werden die Gewinne der WM nicht bei der armen Bevölkerungsmehrheit ankommen. Diese Armut ist das Ergebnis von Jahrhunderten vorsätzlicher Enteignung und Schwächung, weshalb sie heute durch politische Maßnahmen überwunden werden müsste.

Im Jahr 1994 hat eine neue Ära in Südafrika begonnen. Doch die grundlegende Arbeit, die tief verwurzelten Kulturen und Institutionen der Diskriminierung zu verändern, bleibt eine bestehende Herausforderung. Mit dem formellen Ende der Apartheid begann der Prozess des stetigen Abbaus der Apartheid-Strukturen, die sämtliche Lebensbereiche durchzogen. Die offensichtlichen Strukturen waren am leichtesten abzuschaffen, sämtliche Ausschlüsse von staatlichen Institutionen aufgrund der Hautfarbe wurden beseitigt.

Aber die riesigen Unterschiede bei der Qualität staatlicher Einrichtungen blieben oft erhalten. So sind an den Schulen in Townships und ländlichen Gebieten immer noch die Folgen einer jahrzehntelangen Unterversorgung mit Ressourcen zu spüren, genauso wie beim Zugang zu Gesundheitseinrichtungen, die doch so wichtig wären im Kampf gegen die Aids-Epidemie.

Die größten Herausforderungen sind Beschäftigung, Armut, Gesundheit und Bildung. Der Zugang zu formellen Arbeitsverhältnissen hängt vom Zugang zu guter Ausbildung ab. Zu viele SüdafrikanerInnen haben wegen ihrer unzureichenden Bildung keine Chance auf Zugang zum Arbeitsmarkt. Die derzeitige Arbeitslosenrate wird auf 24,3 Prozent der aktiven Arbeitssuchenden geschätzt. Diese Zahl umfasst weder die große Gruppe derjenigen, die durch Eigeninitiative im informellen Sektor überleben, noch diejenigen, die nach jahrelangen Versuchen die Arbeitssuche aufgegeben haben, weil sie sich den Transport in die städtischen Gebiete nicht mehr leisten können, wo es mehr Arbeitsmöglichkeiten gibt.

Von den 49,3 Millionen SüdafrikanerInnen sind nur 5,4 Millionen registrierte Steuerzahler, während 13,5 Millionen Menschen unterschiedliche Sozialleistungen erhalten wie Renten, Kindergeld und Pensionen für Kriegsveteranen. Dies ist eine große Leistung für eine Regierung, egal an welchem Ort der Welt, doch speziell in Afrika, wo staatliche Sicherungssysteme so gut wie nicht existieren. Die Sozialleistungen leisten einen wichtigen Beitrag zum Überleben armer Familien, doch langfristig bergen sie das Risiko, nicht nachhaltig zu sein. Ziel muss sein, Menschen dabei zu unterstützen, ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten zu können.

Diskriminierung überwinden

Bei Khulumani sind wir der Meinung, dass in Südafrika zu viele Konzessionen an die großen Konzerne gemacht wurden, um diese bei Laune zu halten. Bei Wasser und anderen Grundgütern wurden Privatisierungspolitiken betrieben, die verheerende Konsequenzen für die ärmsten Familien und Gemeinden hatten. Für eine Organisation, die sich einer Vision einer nicht-rassistischen und nicht-sexistischen Gesellschaft verschrieben hat, frei von allen Formen von Diskriminierung, in der die Menschen ihre Potenziale voll entfalten können, ist der Kampf noch nicht vorbei. In den vergangenen 15 Jahren ist Khulumani zu der Überzeugung gelangt, dass nur das Handeln engagierter BürgerInnen mit den Problemen fertig werden kann, die immer noch einer sozial gerechten Gesellschaft im Weg stehen, in der die Menschenrechte für alle verwirklicht sind.

Beginnend mit den Rechten derjenigen, die die größten Opfer im Kampf gegen die Apartheid erbracht haben, und die bis heute auf Entschädigung warten.
Die Überlebenden der Apartheid-Verbrechen haben nie aufgehört, ihren Platz in der nationalen Debatte einzufordern und sich gegen das Abschieben in die Bedeutungslosigkeit gewehrt. Mittlerweile beginnen viele SüdafrikanerInnen, endlich zuzuhören und zu verstehen, dass die Schrecken der Vergangenheit nicht geheilt werden können, ohne den Opfern angemessene Aufmerksamkeit zu schenken und sie für die lebenslangen Konsequenzen dieser Verbrechen zu entschädigen.

Aus dem Englischen von Armin Massing.

Marjorie Jobson ist seit 2006 Direktorin der "Khulumani Support Group", der wichtigsten Selbsthilfe- und Lobbyorganisation von Apartheid-Opfern in Südafrika.

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Editorial

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Kommentar von Armin Massing: Antikoloniale Straßenumbenennungen: Kampf um Deutungshoheit

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