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Liebe Leserin, lieber Leser,
wer die Menschen in Südafrika auf die kommende Fußball-Weltmeisterschaft anspricht, trifft immer wieder auf Stolz und Euphorie: Endlich ist Afrika Austragungsort dieses nach den Olympischen Spielen wichtigsten Sportereignisses, und Südafrika kann der ganzen Welt zeigen, dass es in der Lage ist, so ein Großevent zu organisieren. Sportlich sind die Erwartungen ebenso groß, und wenn es schon nicht die Bafana Bafana, die zuletzt doch arg kriselnde Nationalmannschaft Südafrikas sein sollte, dann möge doch bitte ein anderes afrikanisches Team erstmals bei einer WM bis ins Halbfinale oder gar ins Finale am 11. Juli 2010 in Johannesburg kommen.
Auch sonst verbinden die Menschen enorme Hoffnungen mit der WM. Irgendwie träumt fast jeder davon, ein wenig abzubekommen von den Milliarden, die für den Bau von Stadien, Verkehrswegen und Hotels ausgegeben wurden und werden, und vom Geld, das die TouristInnen im Sommer im Land am Kap ausgeben sollen. Verständlich, ist die Wirtschafts- und Finanzkrise doch auch hier stark spürbar und Südafrika bis heute von immenser Armut gekennzeichnet.
Warnende Stimmen finden im allgemeinen WM-Taumel indes nur wenig Gehör. Dabei ist sicher, dass die Einnahmen die riesigen Ausgaben für Stadien und Infrastruktur nicht ausgleichen werden. Geld, das fehlt für dringend notwendige Investitionen in die Infrastruktur der Townships oder für den Ausbau des Bildungswesens und des Gesundheitssystems. Zudem wurden ganze Gemeinden plattgemacht für die neuen Fußballarenen und Zufahrtswege, Tausende BewohnerInnen von Armenvierteln vertrieben. "Für die südafrikanische Regierung sind Slums ein Imageproblem", schreibt Joe Walker in seinem Beitrag über die Vertreibung von Obdachlosen und Straßenkindern.
Fast 16 Jahre sind seit dem Ende der Apartheid vergangen. Vieles hat sich seither verändert in Südafrika. Als aufstrebende Regionalmacht findet das Land weltweit Gehör, die demokratischen Strukturen sind gefestigt, politische Teilhabe ist gesichert. Ganz besonders ist dies ein Verdienst von Nelson Mandela. Mit seiner Politik des Verzeihens und Versöhnens hat er Südafrika ein gutes Stück vorangebracht, als moralische Instanz so manchen Konflikt entschärft.
Doch längst noch ist das Erbe der Apartheid nicht in allen Bereichen überwunden. Das Bild der Regenbogennation, das Bischof Desmond Tutu für das Postapartheid-Südafrika geprägt hat, erscheint heute als pures Wunschbild. Zu ungleich verteilt ist die Macht der Farben. Millionen Schwarze sind in die Mittelschicht aufgestiegen und einige von ihnen gehören zu den Reichen des Landes. Doch hat sich auch die Ungleichheit verschärft, sind die Armen bis heute meist Schwarze.
Armut und Aids, Kriminalität und Korruption, Gewalt und Geschlechterungerechtigkeit – die Probleme Südafrikas sind enorm. Auch in der Politik verschärft sich die Konfrontation. Hein Möllers sieht das Land "erneut an einem Scheideweg". Bleibt zu hoffen, dass der dringend nötige Politikwechsel gelingt. Südafrika hat eine bessere Zukunft verdient.
Ihnen eine interessante Lektüre dieses INKOTA-Briefs und Südafrika sowie den anderen afrikanischen Teilnehmern viele Tore und ein erfolgreiches Abschneiden bei der WM wünscht
Michael Krämer
Kommentar von Armin Massing: Antikoloniale Straßenumbenennungen: Kampf um Deutungshoheit
Sie haben uns die Meinung gesagt. Aufschlussreiche LeserInnenumfrage zum INKOTA-Brief
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