„Uns geht es um Ernährungssouveränität“

Ein Interview mit Javier Rivera vom „BürgerInnennetzwerk gegen Gentechnik in El Salvador“ über den Agrokraftstoffboom in Zentralamerika und die Folgen für die Ernährungssicherheit
Javier Rivera
Welche Bedeutung haben Agrokraftstoffe heute in Zentralamerika?
Sie sind noch ein relativ neues Phänomen. Es gab zwar bereits in den 1980er Jahren erste Versuche, Agrokraftstoffe in Zentralamerika herzustellen. Da Erdöl damals aber noch sehr billig war, waren sie nicht konkurrenzfähig. Eine erste Fabrik in El Salvador wurde schnell wieder dichtgemacht. Seit einigen Jahren hat jedoch ein regelrechter Boom eingesetzt. Überall werden die Anbauflächen für Zuckerrohr und Ölpalmen ausgeweitet, viel Geld wird investiert. Allein in El Salvador sind seit 2005 fünf Fabriken entstanden, um Agraralkohol aus Zuckerrohr zu gewinnen.

Und was passiert mit diesem Agraralkohol?
In ganz Zentralamerika gibt es noch keine Weiterverarbeitungsanlagen, um Kraftstoffe herzustellen, weder aus Agraralkohol noch aus Palmöl. Es wird also alles exportiert. Bisher nur in die USA, aber auch die EU hat großes Interesse. Das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und Zentralamerika wäre dafür ein wichtiger Schritt.

Ist es nicht positiv, wenn durch diesen Boom neue Märkte für Zentralamerika entstehen?
Nein, im Gegenteil. Die Agrokraftstoffe sind eine große Gefahr für die Ernährungssicherheit unserer Länder. Zum Beispiel in El Salvador: Kleinbauern bekommen keine Kredite, kein Saatgut und keine technische Hilfestellung. Wir müssen schon jetzt fast die Hälfte unseres Getreidebedarfs importieren, Tendenz steigend. Unsere Regierung unternimmt überhaupt nichts, um die Nahrungsmittelproduktion zu fördern. Nur wer Zuckerrohr anbaut, erhält Unterstützung. Agrokraftstoffe statt Mais und Bohnen. Die Autos sind in dieser Logik wichtiger als die Menschen.

Worin besteht denn die Unterstützung für die Zuckerrohrproduzenten?
Präsident Antonio Saca plant eine enorme Ausweitung der Anbaufläche von Zuckerrohr in El Salvador, von derzeit 85.000 auf mindestens 120.000 Manzanas (1 Manzana = 0,7 Hektar; Anm. der Red.). Dafür möchte er sogar die Verfassung ändern, in der als Höchstgrenze für Landbesitz 245 Hektar festgeschrieben sind. Für Agrokraftstoffe soll diese Höchstgrenze jedoch fallen. Außerdem sollen die Zuckerrohrproduzenten billige Kredite erhalten. Und wer baut Zuckerrohr an? Das sind natürlich nur Großgrundbesitzer, kleine Produzenten gibt es nicht.
Seit 1989 ist ARENA an der Regierung, seitdem wird der Agrarsektor systematisch vernachlässigt – mit Ausnahme der großen Produzenten, zum Beispiel von Kaffee oder Zuckerrohr. So wie die Kleinbauern erhalten auch die Kooperativen keine Unterstützung. Im Gegenteil. Einige Kooperativen an der Küste müssen aufgeben und verkaufen oder verpachten ihr Land an Zuckerrohrproduzenten. Die Konzentration im Landbesitz steigt wieder. Aber die Regierung behauptet, dass es nur um Flächen ginge, die nicht bebaut werden.

Befindet sich der Zuckerrohranbau nur in salvadorianischer Hand oder ist da auch ausländisches Kapital aktiv?
Der Zuckerrohranbau selbst ist komplett in salvadorianischer Hand. Anders ist dies bei der Weiterverarbeitung für Agraralkohol. Hier konkurriert brasilianisches mit kolumbianischem Kapital. Das ist die Dynamik: Hier wird produziert, aber die Produktion ist für den Export bestimmt, nicht für den salvadorianischen Markt.

Bedroht der Agrokraftstoffboom die Naturreserven der Region?
Ja, in Guatemala wird ein Teil des Urwalds im Petén abgeholzt, um dort Ölpalmen anzubauen. Auch in Honduras wird die Anbaufläche für Ölpalmen ausgeweitet – und außerdem für gelben Mais, der von Monsanto stammt und gentechnisch verändert ist. Und die nicaraguanische Regierung hat erklärt, dass sie ebenfalls verstärkt auf Agrokraftstoffe setzen wird. In El Salvador gibt es fast keine Naturreserven mehr, da ist vor allem die Nahrungsmittelproduktion gefährdet.

Macht sich der Agrospritboom bereits in einem Preisanstieg bei Nahrungsmitteln bemerkbar?
2007 hat sich weißer Mais in El Salvador um 120 Prozent verteuert. Die Regierung hat erklärt, dass die Dürre des Jahres 2007 dafür verantwortlich ist, aber 2007 wurde ja die Produktion von 2006 verkauft.
Tatsächlich resultierten die Preissteigerungen aus der hohen Nachfrage nach gelbem Mais in den USA für die Herstellung von Bioethanol. Gelber Mais dient als Tierfutter, aber weil der knapp wurde, wurde auch weißer Mais verfüttert. Es kam also beim Mais zu einer Konkurrenz zwischen Kraftstoff und Nahrungsmittel.

Was machen die Nichtregierungsorganisationen und die sozialen Organisationen in El Salvador angesichts dieser Entwicklung?
Das Problem in El Salvador ist, dass die Leute hier bislang kaum Informationen über die Auswirkungen der Ethanolproduktion haben. Ein Beispiel: Im laufenden Wahlkampf hat die FMLN (die größte Oppositionspartei des Landes; Anm. der Red.) einen breiten „sozialen Dialog“ organisiert. Beim „Tisch“ zum Thema Landwirtschaft haben sich die Kooperativen für die Produktion von Zuckerrohr für die Alkoholherstellung ausgesprochen. Es wurde nur darüber diskutiert, wie diese Produktion gefördert werden kann. Es gibt leider überhaupt keine weitergehenden Überlegungen über die Folgen.
Außer unserem „BürgerInnennetzwerk“ haben sich bislang nur sehr wenige andere Organisationen gegen die Ethanolproduktion ausgesprochen.

Woran liegt das?
Die Leute wissen noch viel zu wenig über die Konsequenzen der Agrarkraftstoffe, es ist Teil einer globalen Unwissenheit. Wenn sich die Leute über die gesamten Probleme klar werden, werden sie auch anders handeln müssen. Die Informationen, die die Regierung verbreitet, sind sehr einseitig. Sobald die Leute aber mehr Informationen haben, werden sie auch anders auf die Agrokraftstoffe reagieren.

Was werdet ihr angesichts dieser Situation unternehmen?
Wir werden uns verstärkt den Auswirkungen der Agrokraftstoffe in El Salvador widmen. Zum Beispiel werden wir noch genauer untersuchen, wie sie sich auf die Ernährungssicherheit auswirken. Wir wollen Pressekonferenzen abhalten, Radiobeiträge machen und öffentliche Foren organisieren. So haben wir auch das Thema der gentechnisch veränderten Pflanzen auf die nationale Agenda gebracht.

Was sind eure Ziele, was wollt ihr erreichen? Ein Verbot der Produktion von Agrokraftstoffen?
Ein Verbot wäre überhaupt nicht zu erreichen. Wir fordern aber, dass bei der Suche nach alternativen Energieformen die Realität und die Interessen Zentralamerikas berücksichtigt werden – und nicht nur Bedürfnisse der USA oder Europas. Für uns sind die Agrokraftstoffe nichts Isoliertes, womit man das Klimaproblem lösen kann. Die Konsequenzen des Klimawandels sind im Süden viel drastischer, verursacht wird er aber im Norden. Und zusätzlich haben wir eine Verschlechterung unserer Ernährungssouveränität zu beklagen. Es geht also darum, einen Vorschlag für die Produktion von Energie zu erarbeiten, der die Ernährungssouveränität und Ernährungssicherheit unserer Länder nicht gefährdet.

Und welche Forderungen habt ihr da an die europäischen Regierungen, zum Beispiel an die Bundesregierung und an die EU selbst?
Wenn die deutsche Regierung und die EU wirklich um den Klimawandel besorgt sind, sollen sie uns mit neuen Technologien unterstützen. Vor allem sollen sie unsere Länder nicht dazu nutzen, für die Mobilität ihrer Bevölkerung und ihrer Industrie zu sorgen. Außerdem müssen Deutschland, die EU und die USA ihre Konsummuster ändern. Hier ist einiges nötig. Agrokraftstoffe sind jedenfalls keine Lösung für den Klimawandel, und für die Länder des Südens bedeuten sie eine enorme Gefahr für die Ernährung der Bevölkerung.

Das Interview führte Michael Krämer.

Javier Rivera ist seit dessen Gründung 2001 aktiv beim „BürgerInnennetzwerk gegen Gentechnik in El Salvador“, einem Zusammenschluss von fast 20 Organisationen und zahlreichen Einzelpersonen. Seit Anfang 2007 unterstützt INKOTA (mit Kofinanzierung der Stiftung Umverteilen) die Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit des Netzwerks, 2008 speziell die Arbeit zum Thema Agrokraftstoffe.