Biosprit macht Hunger.
Nachhaltiger Klimaschutz sieht anders aus!
Produktion und Handel von Biodiesel und Bioethanol aus Energiepflanzen wie Raps,
Mais, Zuckerrohr, Soja oder Ölpalmen haben weltweit Hochkonjunktur.
Volle Tanks und leere Mägen

Flor Martìnez von der INKOTA-Partnerorganisation
ODESAR/ Nicaragua kritisierte
bereits während ihres Besuchs anlässlich des G8-Gipfels 2007 die Verwendung
von Agrokraftstoffen in deutschen Autotanks. Flor Martìnez:
„Wir haben leere Mägen und ihr habt volle Tanks!“
Politiker und Lobbyisten preisen Agrokraftstoffe als Wunderwaffe, die uns aus der Abhängigkeit
von knapper werdenden fossilen Rohstoffen befreien und gleichzeitig einen unverzichtbaren
Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dabei verfolgen sie ehrgeizige Ziele, die rund
um den Globus einen wahren Agrospritboom ausgelöst haben.
Die Europäische Union will den Anteil von Agrokraftstoffen am Gesamtverbrauch bis 2020 auf zehn
Prozent steigern. Die Bundesregierung hatte die Zielmarke noch höher gesetzt. Bundesumweltminister
Sigmar Gabriel wollte bis zum Jahr 2020 den Beimischungsanteil von Agrokraftstoffen auf 12 bis 15 Prozent erhöhen.
Erst nach massiven Protesten im Jahr 2008 korrigierte die Bundesregierung die Beimischungsquoten nach unten. Jetzt soll
der Anteil am Normalbenzin ab 2010 nur noch bei 6,25% liegen, in diesem Jahr liegt er bei 5,25%. Der steigende Bedarf
an nachwachsenden Energierohstoffen kann jedoch schon jetzt nur durch massive Importe aus Entwicklungsländern
gedeckt werden. Doch dort führen sie zu Hunger, Landvertreibung und Zerstörung von Naturlandschaften.

Für den Anbau von Energiepflanzen zur Gewinnung von Agrosprit werden in Indonesien große Flächen von Regenwald abgeholzt.
Agrokraftstoffe erzeugen Hunger und Armut.
Der zunehmende Anbau von Energiepflanzen zur Herstellung von Agrokraftstoffen steht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion.
Nutzungskonflikte um knappe Ressourcen wie Land und Wasser sowie Preissteigerungen
für Agrargüter und Grundnahrungsmittel sind die Folgen, die die Ärmsten
am stärksten treffen und die Ernährungssicherheit gefährden. Im
April 2008 warnte die Food and Agricultural Organisation of the United Nations
(FAO) in einem alarmierenden Bericht davor, dass durch die weltweit steigenden
Lebensmittelpreise 37 Länder von einer akuten Hungerskatastrophe bedroht
sind. Laut FAO stiegen die Preise für Grundnahrungsmittel im Jahr 2007 um
40 Prozent, und auch in den ersten Monaten 2008 stiegen die Lebensmittelpreise
weiter an. Seit dem Jahr 2000 haben sich die Getreidepreise verdreifacht und der
Preis für Mais sogar vervierfacht. Studien gehen davon aus, dass je nach
Land 30 bis 70 Prozent der Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln seit 2005 auf
die Herstellung von Bioethanol oder Biodiesel zurückzuführen sind. Für
viele Menschen in den ärmeren Ländern werden dadurch selbst Grundnahrungs-mittel
unbezahlbar.
Leidtragende sind in erster Linie Kleinbauern und –bäuerinnen,
die mit der Massenproduktion der industrialisierten Landwirtschaft nicht konkurrieren
können. Nichtregierungsorganisationen in Deutschland und in den Ländern
des Südens, internationale Hilfswerke, UN-Organisationen und selbst IWF und
Weltbank warnen bereits vor den verheerenden Folgen des Agrosprit-Wahnsinns auf
die weltweite Ernährungssicherheit.
Agrokraftstoffe zerstören Lebensgrundlagen.
Der rasant wachsende Flächenbedarf für den Anbau nachwachsender Rohstoffe
führt in vielen Ländern zu sozialen Konflikten. Diese äußern
sich meist in der Vertreibung von Kleinbauern oder der Umwandlung von Flächen,
die bisher indigenen Gemeinschaften oder Landlosen als Existenzgrundlage dienten.
Die Zerstörung kleinbäuerlicher Strukturen vernichtet dabei wesentlich
mehr Arbeitsplätze, als die neue Agrospritproduktion schaffen kann. Durch
intensiv bewirtschaftete großflächige Monokulturen und stark mechanisierte
Plantagenwirtschaften werden Millionen Menschen arbeitslos. Bauerorganisationen
kritisieren außerdem die oft menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen
auf den neuen Plantagen.
Agrokraftstoffe verstärken ökologische Probleme.
Die Agrospritproduktion erfolgt überwiegend in großflächigen Monokulturen unter hohem
Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden und gilt als Einfallstor für
grüne Gentechnik. Die Übernutzung der Böden, der Verlust biologischer
Vielfalt und die Gefährdung der Wasserversorgung sind die Folge. Oft geht
die Ausweitung der Anbauflächen mit der Zerstörung einzigartiger Ökosysteme
einher, z. B. der Regenwälder oder Torfmoore Indonesiens oder Kolumbiens.
Agrokraftstoffe können das Klimaproblem nicht lösen.
Aktuelle Studien bezweifeln die positive Klimabilanz der Agrokraftstoffe. Sie kommen zu dem Ergebnis,
dass das Einsparpotenzial von Agrokraftstoffen gegenüber Erdöl lediglich
bei 10 bis 30 Prozent liegt. Dabei verschlechtert nicht nur die energieintensive
Produktion der dafür benötigten synthetischen Düngemittel und Pestizide
die Klimabilanz. Beim Düngen entsteht außerdem das klimaschädigende
Lachgas, das 300 Mal gefährlicher ist als das Treibhausgas CO2. Wird schließlich
– wie für Palmölplantagen in Indonesien oder den Sojaanbau in
Brasilien – ein Teil der Anbaufläche durch Abholzung oder Brandrodung
von Regenwald und die Trockenlegung von Torfmooren gewonnen, so zeigt sich die
Klimabilanz über Jahre oder Jahrzehnte negativ, da dadurch nicht nur einzigartige
Ökosysteme, sondern auch wichtige CO2-Senken zerstört werden.
Die wirksame Zertifizierung der Agrokraftstoffproduktion ist eine Illusion.
Bis heute gibt es kein internationales Zertifizierungssystem für die nachhaltige
Produktion von Biomasse. Die negativen Effekte der Agrokraftstoffproduktion sind
in ihrer Komplexität praktisch nicht durch Zertifizierung erfassbar. Im Regierungsentwurf
für eine Nachhaltigkeitsverordnung fehlen soziale und menschenrechtliche
Kriterien, viele Umsetzungsfragen sind ungeklärt. Aber auch weitergehende
Zertifizierungssysteme können indirekte Effekte wie Landnutzungsveränderungen
nicht verhindern. Zudem laden die vagen Umweltkriterien dazu ein, wegen der allgemein
hohen Komplexität und der schlechten Kontrollierbarkeit umgangen zu werden.
Agrokraftstoffe sind nicht alternativlos.
Im Falle der Umsetzung der EU-Beimischungsziele würden maximal drei Prozent der CO2-Emission bis 2020 eingespart. Ein Effekt,
der sich durch die Steigerung der Energieeffizienz im Mobilitätssektor und
die Förderung des öffentlichen Personennahverkehrs sowie der Verkehrsvermeidung
wesentlich leichter und mit weniger Nebenwirkungen für Mensch und Natur erreichen
ließe.